Meine Kolumne im berliner Stadtmagazin ‚Siegessäule‘ Mai 2020 über ‚Magersucht‘

Riot not Diet! So heißt ein feministisches Motto was ich gern mag. Mein letztes Jahr war allerding mehr Diet als Riot war. Das ist scheiße. Nicht nur weil die kapitalistische Welt ordentlich Riot verdient hätte, sondern auch weil mein Diät Wahn so sehr an meinen Nerven und meiner Gesundheit zerrt. Um es beim Wort zu nennen: Magersucht.
Magersucht ist ein Problem mit dem ich mich schon seid der Puertät hrumschlage und das sich in Krisen gern mal zurückmeldet. So auch wieder seid gut einem Jahr. Unwohl-Sein mit dem eigenen Körper ist ein Problem womit sich besonders auch queere Menschen herumschlagen müssen. Die Medien zeigen uns nicht nur wer eine Frau auszusehen hat und wie ein Mann, sondern auch wie eine „schöne“ Frau und ein „schöner“ Mann zu sein haben. Klar, dass es *trans und nichtbinäre Menschen da besonders schwer haben Mainstream Ideale zu erfüllen, un/oder es schwer haben weil sie diese nicht erfüllen wollen. Und wer diese nicht erfüllt ist weniger wert und weniger glücklich, so wird einem oft vermittelt.
Meine Magersucht hat zum Teil auch mit diesen Schöneitsnormen zu tun. Mir das immer wieder zu sagen hilft mir ein wenig. Sie hat aber auch tiefe traumatische Ursachen, an die ich schwerer herankommen kann. Nichtsdestotrotz habe ich den Kampf mit ihr aufgenommen und bedeutende Fortschritte erziehlt. Noch vor einigen Monaten befand ich mich erschreckend nah an der Schwelle zum Tod. Ich musste Konzerte absagen weil mir die Kraft zum rausgehen fehlte. Zuerst war ich in einer Klinik und nun wohne ich in einer stationären therapeutischen Wohngruppe. Ich habe mir also Unterstützung gesucht. Das ist eine Leistung auf die man sehr stolz sein kann und wofür man sich nicht schämen muss.
Ich hab zwei Seiten in mir. Die eine Seite will weiter abnehmen und die andere, vernünftige Seite, will dass ich mich gesund ernähre. Diese Seite gilt es zu stärken. Und dabei helfen mir nicht nur Betreuer*innen und Therapeut*innen, sondern auch meine Freund*innen. Sie erinnern mich an die Argumente, die für den Weg aus der Magersucht sprechen und ermutigen mich immer wieder diesen Weg zu gehen. Umgekehrt ist es eine Motivation für mich, irgendwann wieder die Kraft und Energie zu haben, um ihnen eine gute Freundin sein zu können. Ich rufe mir all das ins Gedächtnis woran ich immer Spaß hatte: mit Freund*innen reisen, Konzerte spielen, zu Punkbands tanzen oder Babelsberg 03 im Fussball anfeuern. Wenn ich darauf wieder Lust bekomme, gibt mir das Motivation zum essen. Spaß am Leben zu haben ist ein gutes Ziel, denn das Leben ist so kurz und man lebt nur einmal.
Wieder auf Demos gehen und mich an politischen Aktionen beteiligen zu können ist eine weitere wichtige Motivation für mich. Am 8.März war ich auf der großartigen Demo: ‚It Is Not a Party. It‘s A Fight‘. Das gab mir ein tolles Gefühl: Zugehörigkeit, Empowerment und die Gewissheit, etwas Sinnvolles und Wichtiges tun. Was in mir selbst aber noch ankommen muss, ist, dass ich auch damit etwas Wichtiges tue, wenn ich mich mal um mich selbst kümmere. Wenn ich genug esse, Therapie mache, mich mit Friends treffe und mich körperlich schone. Das wäre dann der ‚Riot‘ gegen meine alten Verhaltensmuster, die mir schaden. Also wünsche ich ‚Riot Not Diet‘ mir und euch, auf das wir stark bleiben, und füreinander da sind!


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